Wie also kommt ein Virus, das Gebärmutterhalskrebs verursacht, in meinen Rachen, lässt einen Tumor an meiner Zunge wachsen, dringt in meine Lymphknoten vor, bedroht meine Stimmbänder und mein Leben? Laut Dr. Andrew und anderen ist die Antwort in den späten 70er-Jahren zu suchen, als die Medizin erstmals die Ausbreitung des HPV wahrzunehmen begann: „Es hat mit unserem veränderten Sexualverhalten zu tun."
In der Zeit zwischen Pille (60er-Jahre) und Aids (Mitte der 80er) hatten mehr Menschen mehr Sex in mehr verschiedenen Spielarten. Die Kinder, die in den 70er-Jahren mit viel sexueller Freizügigkeit aufwuchsen, sind heute über 40, und nun schlägt allmählich der Krebs zu. Denn zeitgleich mit dem HI-Virus, das Aids verursacht,breiteten sich auch andere Viren aus, darunter Herpes und HPV, oft ohne Symptome, aber hochansteckend. Doch während HIV ins öffentliche Bewusstsein drang, wurden sie kaum beachtet. Millionen Menschen haben somit in den letzten 30 Jahren eine Art russisches Roulette gespielt. Denn mögen sich auch noch so viele Leute beim Geschlechtsverkehr schützen - beim Oralsex legt kaum einer Wert auf eine Latexschicht.
Wenn man erfährt, dass der Krebs, an dem man leidet, mit HPV zusammenhängt, lässt man sein ganzes Leben Revue passieren und sucht nach dem Augenblick, in dem man die falsche Entscheidung getroffen hat. Aber das ist unmöglich. Es geht nicht um einzelne Ereignisse, sondern um alles, was man je erlebt und worauf man sich je eingelassen hat.
In Ermangelung des einen Fehlers, den ich bereuen kann, gebe ich mich Angst- und Schuldgefühlen hin. Es heißt, das Risiko, diesen Krebs zu bekommen, sei Hunderte Male höher bei Leuten, die im Lauf ihres Lebens mit mehr als fünf Partnern Oralsex hatten. Wie viele Male habe ich mich in Gefahr begeben? Wie viele Male habe ich andere in Gefahr gebracht?
Hilarys Pap-Tests auf Gebärmutterhalskrebs waren stets ohne Befund, aber das heißt nicht, dass sie kein HPV im Mund hat. Wird sie verschont bleiben? Muss irgendwo da draußen jemand sterben, weil ich irgendwann in den 80ern in San Francisco einmal in einem Nachtclub war? Ich kann es nicht mit Sicherheit verneinen. Damit zu leben ist ebenso schwer, wie mit dem Krebs zu leben.